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Strukturwandel: Wenn der Markt Zukunft schreibt
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Strukturwandel: Wenn der Markt Zukunft schreibt

01.06.2022

Der strukturelle Wandel im Automobilbereich macht auch vor Reifenherstellern nicht halt. Die Schließung des Michelin Produktionsstandortes Hallstadt bei Bamberg ist eine Folge dieses Transformationsprozesses. Ein Prozess, der bei aller Unsicherheit auch Entwicklungschancen für die Region bietet. Über die Revitalisierung eines Standortes.

Ende 2020 liefen im Michelin Werk Hallstadt nahe dem oberfränkischen Bamberg die letzten produzierten Reifen vom Band. Damit endete die fast 50-jährige Geschichte des Reifenwerks in Nordbayern. Von 1971 bis 2020 hatten die Mitarbeiter*innen am Standort Hallstadt insgesamt mehr als 250 Millionen Reifen produziert. Hallstadt war in Deutschland das Michelin Werk mit dem höchsten Produktionsanteil an 16-Zoll-Reifen der Premium-Klasse. „Und genau das war unsere Herausforderung“, sagt Maria Röttger, CEO der Michelin Region Nordeuropa. „Tiefgreifende Veränderungen im PKW-Segment haben zu einem erheblichen Rückgang der Nachfrage nach kleineren Premium-Reifen in der Größe 16-Zoll geführt. Die Motoren werden leistungsstärker, die Modelle größer. Und so werden Neufahrzeuge auf immer größeren Reifen ausgeliefert. Und: Budget-Hersteller besetzen im Ersatzmarkt zunehmend das Segment kleiner Reifengrößen. In dieser Gemengelage haben es 16-Zoll-Premiumreifen enorm schwer, sich zu behaupten.“

Size matters – der Kipppunkt ist erreicht

Ein Blick in Konfigurationslisten der Automobilhersteller zeigt eindrücklich, wie sich die Reifengrößen bei Neuwagen verändert haben – egal ob bei europäischen, asiatischen oder amerikanischen Herstellern. Der Trend ist eindeutig: Autokäufer fragen immer größere Reifen nach, ganz gleich, ob es sich um Reifen bei Kleinwagen im Volumensegment oder um limitierte Sportwagen handelt. Dementsprechend hat sich das Angebot in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Beispiele: Gab es den VW Golf in seinem ersten Verkaufsjahr 1975 noch auf Reifen zwischen 13 und 16 Zoll zu kaufen, so bietet der Online-Konfigurator den 2022er Golf mit Reifengrößen zwischen 15 und 20 Zoll an.

Am eindrücklichsten lässt sich der Trend zu immer größeren Reifen an der Sportwagen-Ikone Porsche 911 beschreiben: Als der Porsche 911 auf der IAA 1963 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war der Sportler werkseitig nur mit 15-Zoll-Reifen zu haben. Wer sich heute seinen Porsche 911 konfiguriert, kann nur zwischen 19- oder 20-Zoll-Reifen wählen.

Maria Röttger: „Die Entwicklung hin zu größeren Reifen ist ein globaler Trend, der übrigens durch die Elektrifizierung der Autoflotte noch weiter beschleunigt wird. Gerade kleinere Elektroautos haben meist größere und schmalere Reifen, um den Luftwiderstand zu reduzieren und durch eine größere Dimension den Rollwiderstand zu optimieren. Und unsere Produktionsstandorte müssen diesen Veränderungen gerecht werden.“

Der Markt für 16-Zoll-Erstausrüstung ist rückläufig. Auch der Ersatzmarkt ist kein einfaches Feld für 16-Zoll-Markenreifen, denn hier werden Budget-Marken immer bedeutender. Seit 2010 ist der Marktanteil laut ETRMA (European Tyre & Rubber Manufacturers‘ Association) des 16-Zoll-Premium-Segments in Europa um 20 Prozent geschrumpft, was dem Billig-Reifensegment zugutekommt. Für Röttger ist der Kipppunkt erreicht, was die Nachfrage nach kleineren Premium-Reifen anbelangt: „Die Veränderungen auf dem Markt sind strukturell und dauerhaft, sowohl in der Erstausrüstung als auch auf dem Ersatzteilmarkt. Die Aussichten deuten nicht auf eine Trendwende hin.“

Hier entsteht die Zukunft

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Investitionen hatten nicht den erhofften Effekt
Seit 2013 hatte die Michelin Gruppe stark in Hallstadt investiert, um diesem Marktwandel zu begegnen und die Produktion des Standorts anzupassen. Diese Bemühungen, verbunden mit dem großen Engagement des Teams, reichten allerdings nicht mehr aus, um dem strukturellen Wandel des Pkw-Reifenmarktes in Europa entscheidend entgegenzuwirken. „Deshalb mussten wir das Werk schließen“, so Maria Röttger.

"Diese Entscheidung fiel uns sehr schwer, weil wir uns unseren Mitarbeiter*innen gegenüber verantwortlich fühlen. Gleichzeitig ist es als Arbeitgeber immer unser Wunsch, gute Arbeitsplätze zu erhalten“, sagt Maria Röttger.  

Fruchtbarer Boden vs. verbrannte Erde

Die Michelin Gruppe arbeitete deshalb ein umfassendes und personalisiertes Maßnahmenpaket für alle Mitarbeiter*innen des Standorts aus. Dazu zählten Angebot einer Transfergesellschaft, rentennahe Berufsausstiegsmöglichkeiten, das Prüfen von internen Beschäftigungsmöglichkeiten und ein großzügiger Sozialplan – immer gemeinsam mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft.

Das war aber nicht alles, was Michelin sich vorgenommen hatte. „Wir haben fast 50 Jahre in sehr guter Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Landkreis in Hallstadt Reifen produziert. Wir wollen der Region nun etwas zurückgeben und nicht einfach verschwinden“, sagt Röttger. Mit einem Transformationsprogramm engagiert sich Michelin seit der Schließung aktiv an der Umgestaltung dieses Standorts. Röttger fasst das so zusammen: „Wir wollten keine verbrannte Erde, sondern fruchtbaren Boden hinterlassen.“ Und das will die Michelin Gruppe in Partnerschaft mit den öffentlichen und wirtschaftlichen Akteuren der Region ausarbeiten.

Cleantech Innovation Park Hallstadt

Der Plan: Im Herzen der Automobilzulieferindustrie Nordbayerns entsteht ein hochleistungsfähiges Innovationsnetzwerk, das renommierte Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Start-ups zusammenbringt. Fachleute und Wissenschaftler sollen gemeinsam vor Ort an Mobilitätskonzepten, Antriebssystemen und grünen Spitzentechnologien der Zukunft arbeiten. „Das ist in der Region ein einmaliges Konzept mit bundesweiter, sogar internationaler Strahlkraft“, sagt Maria Röttger. „Eines unserer Ziele ist natürlich, nachhaltige und gute Arbeitsplätze zu schaffen, die auch unseren ehemaligen Angestellten und den kommenden Generationen neue Chancen bieten.“

Dass solch ein Ansatz funktionieren kann und die Transformation eines Produktionsstandortes in einen Innovationspark möglich ist, zeigt der Michelin Scotland Innovation Parc im schottischen Dundee – auch ein ehemaliger Produktionsstandort für kleine Reifengrößen von Michelin und ebenfalls einem Revitalisierungsprozess unterzogen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn mit Juni 2021 hatten 99 Prozent der ehemals 846 beschäftigten Mitarbeiter*innen eine positive Lösung mit der Hilfe von Michelin gefunden. Zwischenzeitlich hat Michelin das ehjemalige Michelin Gelände gemeinsam mit Partnern zum Michelin Scotland Innovation Parc umgestaltet. Insgesamt planen aktuell 66 Unternehmen, sich auf dem Gelände niederzulassen.

„In Hallstadt bietet sich die einmalige Chance, alle ambitionierten Akteure der Region unter einem gemeinsamen Dach interdisziplinär zusammenzubringen“

Maria Röttger, CEO der Michelin Region Nordeuropa
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Marktgetrieben in die Zukunft

Im Cleantech Innovation Park Bamberg sollen auf rund 88.000 Quadratmetern führende Forschungseinrichtungen und Unternehmen der Automobilzulieferindustrie und aus dem Bereich Cleantech zu einem nachhaltigen Ökosystem heranwachsen. Das Projekt steht mit der Gründung der Gesellschaft, die den Park betreiben wird, kurz vor dem offiziellen Start. Michelin will Partner zusammenbringen, um den Transformationsprozess hin zu grünen Technologien für diese und die nächsten Generationen aktiv mitzugestalten. Was auch schon gelungen ist, denn mit der Stadt Hallstadt und dem Landkreis Bamberg sind zwei wichtige Partner der öffentlichen Hand mit an Bord. Der Freistaat Bayern hat ebenfalls Unterstützung zugesagt und hat ein Förderpaket in Höhe von bis zu 20 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Die Universität Bamberg möchte sich mit ihrem Campus Mensch-zentrierte Künstliche Intelligenz (MeKI) beteiligen und auf dem Gelände neue Forschungsthemen rund um das Thema KI erschließen. Mit bereits unterzeichneten Absichtserklärungen signalisiert  auch die Wirtschaft Interesse, um Zukunftsthemen im Cleantech Innovation Park Hallstadt gemeinsam voranzutreiben.

„Was marktgetrieben eine Notwendigkeit war, nämlich den Michelin Standort Hallstadt zu schließen, soll marktgetrieben auch wieder eine Zukunft haben“, so Maria Röttger abschließend. „Der strukturelle Wandel hat uns zu diesem Schritt veranlasst, der strukturelle Wandel bietet aber auch Chancen im Bereich Cleantech und Nachhaltigkeits-Technologien. Es wäre fahrlässig, diese Chancen nicht zu nutzen.“  

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