Schlafenden Riesen geweckt: Michelin will biobasiertes Molekül 5-HMF im industriellen Maßstab herstellen
Schlafende Riesen können auch winzig klein sein: 5-HMF, auch bekannt als 5-Hydroxymethylfurfural, ist ein biologisch hergestelltes, ungiftiges Molekül, das in einer Vielzahl von Industriebereichen fossile Inhaltsstoffe ersetzen kann. Michelin investiert nun in eine Anlage zur industriellen Herstellung dieses Moleküls. Sie entsteht in Péage en Roussillon (Frankreich) und hat ein Investitionsvolumen von 60 Millionen Euro inklusive Subventionen der ADEME (Französische Agentur für Umwelt und Energie) sowie dem CBE JU1 auf europäischer Ebene.
Die Kapazität der Anlage liegt bei rund 3.000 Tonnen pro Jahr – damit wäre sie die größte Produktionsstätte für 5-HMF weltweit. Das Marktpotenzial für 5-HMF schätzen die Expert*innen von Michelin auf Basis der bereits initiierten Projekte bis 2030 auf mehr als 40.000 Tonnen in Europa. Mit der Anlage bei Lyon untermauert Michelin seine Strategie, zusätzlich zum Kerngeschäft Reifen weitere Wachstumsfelder wie bei Polymer-Verbundwerkstoffen, vernetzten Lösungen und Lifestyle zu erschließen. Sie soll 2026 in Betrieb gehen, es entstehen rund 30 Arbeitsplätze.
Was ist 5-HMF?
5-HMF ist eine sogenannte Plattformchemikalie – ein aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellter Grundstoff, aus dem sich weitere chemische Verbindungen oder Stoffe herstellen lassen. 5-HMF kann künstlich oder auch natürlich gewonnen werden, beispielsweise aus pflanzlichen Kohlenhydraten wie Zucker. Das Molekül ist ungiftig und kann Inhaltsstoffe ersetzen, die aus Erdöl oder anderen bedenklichen Stoffen gewonnen werden. Die Kombination seiner chemischen Eigenschaften macht 5-HMF sehr vielseitig und damit nutzbar für eine Vielzahl an industriellen und chemischen Anwendungen. Expert*innen sprechen deshalb häufig vom „schlafenden Riesen“.
Wo kommt 5-HMF bereits zum Einsatz?
In industriellem Maß wird das Molekül aktuell nur in geringen Mengen in Asien hergestellt. Der europäische Markt steht hinsichtlich der Industrialisierung erst am Anfang. Michelin verwendet 5-HMF bereits bei der Herstellung von ResiCare, einem Klebeharz, das im Vergleich zu herkömmlichen Klebstoffen deutlich umwelt- und gesundheitsschonender ist. 5-HMF kann auch zur Produktion von Polyethylenfuranoat (PEF) verwendet werden. PEF ist ein biobasierter Kunststoff und lässt sich beispielsweise anstelle von PET (Polyethylenterephthalat) zur Produktion von PET-Flaschen einsetzen.
Welche Ziele verfolgt Michelin mit dem Bau der Anlage?
Die Anlage sichert die weitere Herstellung von 5-HMF für das Tochterunternehmen MICHELIN ResiCare und trägt zur Kostensenkung bei der industriellen Produktion von 5-HMF bei. Außerdem ebnet sie für Michelin den Weg für die Vermarktung neuer Materialien in verschiedenen Bereichen wie Kosmetik, Landwirtschaft, Industrie, Bauwesen, Transport, Luftfahrt oder auch Elektronik.
Wer arbeitet bei der industriellen Nutzung von 5-HMF zusammen?
Unter dem Projektnamen CERISEA2 arbeitet Michelin mit mehreren Partnern aus Wirtschaft, Forschung und Verwaltung zusammen. Die ADEME3 unterstützt das Projekt – es ist Teil des Programms France 2030. Dieses soll die industrielle Innovation und den ökologischen Wandel fördern. Auf europäischer Ebene wird das Projekt durch das CBE JU1 unterstützt.
Die Inbetriebnahme der Anlage in Frankreich zur Herstellung von 5-HMF ist für die ,grüne Chemie‘ ein wichtiger Meilenstein. Damit können wir unsere ResiCare-Aktivitäten nun im industriellen Maßstab vorantreiben. Unser 2016 bei Michelin entstandenes Start-up kann nun sein Angebot an hochleistungsfähigen, ungiftigen Harzen zur Nutzung in der Industrie weiter ausbauen. Das belegt die einzigartige Innovationskraft von Michelin bei Polymer-Verbundwerkstoffen.
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© Titelbild: Oriane Dambrune
[1] Das Projekt wird von der Circular Bio-based Europe Joint Undertaking und ihren Mitgliedern unterstützt: Circular Bio-based Europe Joint Undertaking. Finanziert von der Europäischen Union. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die des Autors bzw. der Autoren und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Europäischen Union oder Circular Bio-based Europe Joint Undertaking (CBE JU) wider. Weder die Europäische Union noch das CBE JU können dafür haftbar gemacht werden.
[2] Das CERISEA-Projekt: 13 Hauptpartner, darunter 4 Hersteller (ADM, Avantium, ARKEMA und Kraton) und mehrere Akteure in Forschungs- und Wettbewerbszentren (IFPEN, CNRS, ESCOM, UTC, UNIV Poitiers, IFEU, ITENE, EI-JKU und B4C)
[3] Das Projekt wurde von der französischen Regierung im Rahmen des von der ADEME durchgeführten Plans France 2030 finanziert.