Reifenentwicklung am Limit
print mail share
close
placeholder-image
west Alle Artikel
print mail share
close

Reifenentwicklung am Limit

Hypercars sind eine eigene Liga. Hersteller wie Bugatti und Koenigsegg haben längst die 400-km/h-Marke pulverisiert, die früher nur von Sportprototypen in Le Mans erreicht wurde. Dies bedeutet eine extreme Herausforderung für die Reifen, die nicht nur diese enorme Performance auf die Straße bringen, sondern dabei auch maximale Sicherheit und Standfestigkeit bieten müssen. 

Fast lautlos pfeilt sich der Bolide heran. Erst auf Höhe des Beobachters ist er zu hören, dann nur noch ein ohrenbetäubendes Donnern, Brüllen, Heulen und ein Punkt, der sich in rasender Geschwindigkeit wieder entfernt. Selbst als er längst außer Sichtweite ist, lässt der infernalische Mix aus Motorenlärm, Reifen- und Windgeräuschen noch immer Luft und Magen vibrieren. Neben allem technischen und logistischen Aufwand sind Rekordfahrten immer auch ein Spektakel für die Sinne. So auch an diesem 2. August 2019, als Bugatti mit dem Chiron Super Sport auf der VW-eigenen Teststrecke im niedersächsischen Ehra-Lessien mit 490,5 km/h eine neue Bestmarke für Serienautos aufstellt. Mit dabei: der französische Reifenhersteller Michelin.

 

placeholder-image

490,5 km/h: Der Bugatti Chiron Super Sport hat einen Geschwindigkeitsrekord für Serienfahrzeuge aufgestellt, gegen den Formel-1-Bestzeiten wie eine gemächliche Überlandfahrt wirken.

 

4.100 Reifenumdrehungen pro Minute

Ziel der Rekordfahrt ist es, die magischen 300 Meilen pro Stunde zu knacken. Am Ende stehen 304,773 mph beziehungsweise 490,5 km/h auf der Uhr, fast 40 Prozent der Schallgeschwindigkeit. Für diesen Speed bedarf es nicht nur eines Ausnahmefahrzeugs, auch die Verbindung zwischen Auto und Strecke, die Reifen, muss höchste Ansprüche erfüllen. Bei Tempo 490 drehen sich die Rekord-Pneus 4.100 Mal pro Minute. Die Zahl lässt die Belastungen erahnen, denen die Reifen unterworfen sind.

 

Tests wie die Space-Shuttle-Reifen

Bereits der 420 km/h schnelle Serien-Chiron von Bugatti fährt auf speziell entwickelten Semislicks vom Typ Michelin Pilot Sport Cup. Für den aerodynamisch modifizierten und um 100 PS auf 1.600 PS leistungsgesteigerten Chiron Super Sport werden die Gürtellagen der Hochleistungsreifen nochmals verstärkt. Am Michelin Standort Charlotte im US-Bundesstaat South Carolina kommen die Ultra-Highspeed-Pneus sodann auf einen Prüfstand, der ursprünglich für die Erprobung der Reifen für den Space Shuttle gebaut wurde. Dort müssen sie Geschwindigkeiten bis zu 511 km/h standhalten. Dies entspricht fast der doppelten Landegeschwindigkeit eines Passagierjets. Nach der Produktion wird außerdem jeder Reifen einzeln geröntgt, um selbst kleinste Unregelmäßigkeiten auszuschließen.

„Michelin ist sehr stolz darauf, diesen Rekord mit ermöglicht zu haben“, sagt Pierre Chandezon, Leiter des Bugatti Reifendesign-Teams bei Michelin. „Dies ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Bugatti und uns, die fast 20 Jahre zurückreicht.“ Die Ingenieure von Michelin und Bugatti arbeiteten bei der Entwicklung von Reifen und Fahrwerk eng im Team zusammen und nutzten dabei modernste Materialien und Produktions­techniken.

 

Michelin ist sehr stolz darauf, diesen Rekord mit ermöglicht zu haben. Dies ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Bugatti und uns, die fast 20 Jahre zurückreicht.

Pierre Chandezon, Leiter des Bugatti Reifendesign-Teams bei Michelin

 

Reifenpartner von Koenigsegg und Bugatti

Bugatti ist nicht der einzige Hersteller von Hypercars, der sich auf die Expertise von Michelin stützt. Auch die schwedische Edelmanufaktur Koenigsegg rüstet ihre Fahrzeuge seit dem Start der Produktion im Jahr 2002 exklusiv mit Highspeed-Reifen der französischen Marke MICHELIN aus. Wie Bugatti können die Schweden bereits auf diverse Weltrekorde zusammen mit Michelin zurückblicken. So erreicht 2005 ein Koenigsegg CCR auf der kreisrunden Teststrecke von Nardò in Süditalien eine Höchstgeschwindigkeit von 387,87 km/h und löst den McLaren F1 als schnellstes straßenzugelassenes Serienfahrzeug ab. Im Juni 2015 absolviert ein Koenigsegg One:1 die Beschleunigung von 0 auf 300 km/h plus die Verzögerung zurück auf Tempo 0 in der neuen Bestzeit von 17,95 Sekunden. Ab 2017 schließlich nimmt die Hypercar-Marke mit den Modellen Agera RS und Regera verstärkt die Disziplin 0-400-0 km/h ins Visier und setzt auch hier mit 36,44, dann 33,29 und schließlich 31,49 Sekunden neue Bestmarken.

 

placeholder-image

Der 1.600 PS starke Bugatti Chiron Super Sport fährt auf speziell entwickelten Semislicks vom Typ Michelin Pilot Sport Cup mit nochmals verstärkten Gürtellagen. An der Vorderachse kommt die Dimension 285/30 R20 zum Einsatz, am Heck die noch breiter dimensionierte Größe 355/25 R21.

 

Maximale Belastung für maximale Zuverlässigkeit

Warum diese permanente Rekordjagd? Sie bringt zum einen Prestige, in der Klasse der Hypercars ein nicht zu unterschätzender Mehrwert. Sie dient aber auch als ernst zu nehmendes Testfeld für das mit Abstand exklusivste Pkw-Reifensegment. Hypercar-Fahrer müssen sich auch bei höchsten Geschwindigkeiten auf ihre Reifen verlassen können, und die hohe Leistung muss beständig sein. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, Reifen und Fahrzeuge Belastungen auszusetzen, die weit jenseits des normalen Autofahreralltags liegen – selbst für den anspruchsvollen Zirkel der Hypercar-Eigner.

Michelin kommt hierbei auch seine Erfahrung im Motorsport zugute. Die Marke aus Clermont-Ferrand hatte Jahre lang trotz freien Wettbewerbs ein Quasi-Monopol in der LMP1-Klasse der Langstreckenweltmeisterschaft (WEC) inne und wurde ab der Saison 2020/21 für die folgenden drei Saisons als alleiniger Reifenlieferant für die neue Hypercar-Klasse der WEC ausgewählt, die künftig als höchste Klasse im Langstreckensport fungieren wird. Auch die „zivilen“ Hypercars von Bugatti, Koenigsegg & Co. dürften davon profitieren.